Charlottenhall - Aktuell

Teil 3 - Die Familie – ein wichtiger Bestandteil innerhalb der Therapie

Teil 3 unserer Wissensreihe behandelt die Familie, die bei der Behandlung von Essgestörten unerlässlich ist. Bereits im Vorfeld einer stationären Behandlung wird zu den Familien telefonisch Kontakt aufgenommen.

unserer Wissensreihe:

Teil 1 - Essstörung – Ursachen, Symptome

Teil 2 - Die Merkmale der Magersucht

Teil 3 - Die Familie – ein wichtiger Bestandteil innerhalb der Therapie

 

Teil 1 - Essstörung – Ursachen, Symptome

Essstörungen sind schwerwiegende psychosomatische Erkrankungen und müssen nicht zwangsläufig mit bloßem Auge erkennbar sein. Dabei sind die drei häufigsten Essstörungen, Anorexia nervosa (Magersucht), die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und zu einem kleinen Teil durch die psychogene Adipositas/ Binge-eating-disorder. Je nach Erkrankungsform kann entweder starkes Unter- oder Übergewicht vorkommen aber auch ein Normalgewicht ist möglich. Häufig treten Essstörungen auch als Mischform auf. Bei allen Essstörungen spielt die Störung des Essverhaltens die zentrale Rolle mit Überbewertung von Figur und Gewicht. Bei der Anorexie besteht darüber hinaus eine Körperschemastörung. Zwar hat sich im Gegensatz zur Vergangenheit viel im Verständnis von Ätiologie und Therapie gewandelt, dennoch werden Frühsymptome von PatientInnen und deren Eltern häufig entweder nicht wahrgenommen oder verdrängt.

Was können die Ursachen für eine Essstörung sein?

Für eine Essstörung ist oft das Zusammenspiel aus biologischen, individuellen, familiären oder soziokulturellen Ursachen verantwortlich. Meist spielen mehrere Faktoren zugleich eine Rolle. Unter biologischen Ursachen versteht man den Einfluss von Hormonen oder genetischen Faktoren. Ein übermäßig hoher Leistungsanspruch, ein geringes Selbstwertgefühl oder traumatische Erlebnisse können dabei mögliche individuelle Ursachen einer Essstörung sein. Familiäre Ursachen liegen u.a. in einer genetischen Disposition oder in möglichen psychischen Belastungen eines Elternteils begründet. Nach wie vor spielen soziokulturelle Ursachen, z.B. durch das in den Medien geprägte Schönheitsideal sowie das Vergleichen mit Freunden und Personen der Öffentlichkeit eine Rolle.

Die Merkmale der Bulimie:

Im Gegensatz zur Magersucht, sieht man Bulimie-Betroffenen meistens die Essstörung nicht an. Dennoch leiden die Betroffenen sehr unter ihrem gestörten Essverhalten, das durchaus auch sehr extreme Formen annehmen kann. Für Betroffene und ihre Angehörigen oder Freunde ist es daher um so wichtiger zu wissen, woran man eine Bulimie erkennen kann und so rechtzeitig eingreifen und unterstützen zu können.
   

Heißhungerattacken

Die meisten Betroffenen leiden am meisten unter dem Symptom der nicht kontrollierbaren Heißhungerattacken (auch unter den Namen Essattacken oder Essanfälle bekannt). Bei solchen Attacken wird regelmäßig, mehrmals die Woche oder sogar mehrfach am Tag, unkontrolliert Nahrung auf einmal gegessen.

Der eigene Körper als ständige Beschäftigung

Ein zentrales Merkmal ist die Angst vor dem zu dick werden. Die eigene Körperwahrnehmung kann hier bereits verzerrt sein und die Figur als zu dick eingestuft werden, obwohl die Betroffenen eindeutig normalgewichtig sind. Durch die unkontrollierbaren Attacken und der Angst, nach diesen Essanfällen zuzunehmen, greifen die Betroffenen zu entsprechenden Gegenmaßnahmen. Die häufigste und sicherlich auch bekannteste Möglichkeit ist dabei das absichtliche Erbrechen. Allerdings werden, meist bei längerer bestehender Erkrankung, auch Abführmittel oder auch Sport eingesetzt, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.

Sichtbare Veränderungen

Je länger die Bulimie andauert, desto mehr hängen das Wohlbefinden und die Emotionalität der Betroffenen vom Körpergewicht und von der Form der Figur ab. Zusätzlich belasten die Essattacken und das restriktive Essverhalten den Körper erheblich. Das wirkt sich auf den Stoffwechsel aus und der Grundumsatz wird umgestellt und es werden u.U. weniger Kalorien verbrannt. Da der Körper sogenannt "auf Sparflamme" arbeitet, werden bei den Essanfällen die zusätzlich aufgenommenen Kalorien gespeichert. Das ist eine Art Schutzmechanismus unseres Körpers, um "auch in Krisenzeiten das Überleben zu sichern".

Ziele und Maßgaben in unserer Kinder- und Jugend Rehaklinik

Eine Therapie in unserer Klinik umfasst: 

  • die somatische Rehabilitation und Ernährungstherapie
  • die individuelle psychotherapeutische Behandlung
  • die Einbeziehung der Familie
  • Bewegungstherapie, Körperarbeit (Verbesserung der Körperwahrnehmung)

Hauptbehandlungsziel ist die Stärkung des Selbstwertgefühls und die Normalisierung des Essverhaltens (bei untergewichtigen PatientInnen mit Anhebung des Körpergewichtes). Es wird ein multimodales, schwerpunktmäßig verhaltenstherapeutisches Konzept praktiziert.

Weitere Behandlungsziele sind: 

  • Behandlung somatischer Begleitsymptome
  • Verbesserung der Affektregulation
  • Veränderung dysfunktionaler Gedanken, die zur Aufrechterhaltung der Essstörungen beitragen
  • Verbesserung von begleitenden psychischen Störungen (Depression, Ängste, Zwänge)
  • Abbau einer Körperschemastörung
  • Einbeziehen der Familie zur Bewältigung innerfamiliärer Konflikte und zur Sicherung des Langzeiterfolges 

 

Stationäre Aufnahme

Nach der stationären Aufnahme werden Ziele erarbeitet, die zum einen das Gewicht, zum anderen das Essverhalten und die Akzeptanz eines höheren Gewichtes betreffen. Das Erreichen eines Zielgewichts bezieht sich v.a. auf untergewichtige Patientinnen mit einer Anorexia nervosa.

Im Einzelnen erarbeiten wir folgende Punkte: Das Festlegen des Zielgewichtes und das Erstellen eines Essenplanes mit Festlegung einer Kost, die zur Erreichung des Zielgewichtes führt, sind wesentlich. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einnahme der Mahlzeiten unter Aufsicht und eine Nach-Ruhe unter Aufsicht.

Teil 2 - Die Merkmale der Magersucht

Wann und wie häufig tritt eine Magersucht auf?

Die Magersucht (Anorexia nervosa) tritt am ehesten während der weiblichen Adoleszenz auf und hat ihren Manifestationsgipfel zwischen 14 und 16 Jahren. Das Geschlechtsverhältnis liegt bei 1:10 (männlich:weiblich). Mittlerweile gibt es aber auch jüngere Patientinnen und zunehmend männliche Patienten.

Die drei Hauptsymptome der Magersucht sind der erhebliche, selbst herbeigeführte Gewichtsverlust, eine ausgeprägte Angst vor einer Gewichtszunahme trotz Untergewichts und eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers.

 

Was sind häufige Ursachen für die Magersucht?

Ursächlich sind verschiedene Faktoren, welche sich auch gegenseitig beeinflussen können. Als biologische und körperliche Einflüsse sind z.B. eine erbliche Veranlagung, ein gestörtes Essverhalten in der frühen Kindheit oder früheres strenges Diäthalten zu nennen. Von Faktoren in der persönlichen Entwicklung spricht man, wenn zum Beispiel ein niedriges Selbstwertgefühl, emotionale Labilität oder die Sorge um Aussehen, Figur und Gewicht eine zentrale Rolle spielen. Eine weitere Ursache ist in gesellschaftlichen soziokulturellen Einflüssen zu sehen. Das vorherrschende schlanke Schönheitsideal setzt einige junge Menschen sehr unter Druck.

Weitere Auslöser für eine Magersucht können auch belastende Erlebnisse sein, wie etwa der Verlust einer liebevollen Bezugsperson, eine Trennung, ein Umzug oder Mobbing. Auch körperliche Erkrankungen und der Beginn normaler körperlicher Veränderung in der Pubertät können eine Magersucht auslösen. Ein erhöhtes Risiko an einer Magersucht zu erkranken liegt bei Leistungssportlern vor, die Sportarten ausüben, bei denen Schlankheit und Körpergewicht eine Rolle spielen.

 

Folgen der Magersucht können sein:

  • Kreislaufprobleme
  • Der Körper reagiert auf den starken Gewichtsverlust mit Schutzmaßnahmen: Stoffwechsel, Puls, Blutdruck und Körpertemperatur sinken und die Extremitäten werden nicht mehr richtig durchblutet
  • Elektrolytstörungen, insbesondere Kaliummangel, treten auf
  • Anämie (Verminderung des roten Blutfarbstoffs und der roten Blutkörperchen, auch Blutarmut genannt) und Leukopenie (eine gegenüber der Norm verminderte Anzahl von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) im Blut)
  • Amenorrhoe (Aussetzen der Regelblutung) mit daraus folgender möglicher Unfruchtbarkeit
  • Osteoporose (Abbau der Knochensubstanz)

 

Behandlungsziele bei Magersüchtigen:

 

Die Behandlung von Essstörungen in unserer Kinder- und Jugend Rehaklinik "Charlottenhall" umfasst:

  • die somatische Rehabilitation und Ernährungstherapie
  • die individuelle psychotherapeutische Behandlung
  • die Behandlung somatischer Entgleisungen
  • die Einbeziehung der Familie zur Bewältigung intrafamiliärer Konflikte und zur Sicherung des Langzeiterfolges

Hauptbehandlungsziele sind die Normalisierung des Körpergewichts und die Normalisierung des Essverhaltens. Der Gewichtszunahme kommt daher eine entscheidende Bedeutung zu.

Weitere Behandlungsziele sind:

  • Verbesserung der Affektregulation
  • Abbau dysfunktionaler Gedanken, die zur Aufrechterhaltung der Essstörungen beitragen
  • Reduktion begleitender psychischer Beeinträchtigungen (Depression, Ängste, Zwänge)
  • Abbau einer Körperschemastörung
  • Stärkung des Selbstwertgefühls

 

Maßnahmen im Verlauf der Behandlung:

  • Festlegen eines Zielgewichts, v.a. bei untergewichtigen Patienten_innen
  • Aufstellen eines Essensplans und Vorgabe einer gewissen Kost sowie Nahrungsmenge zu jeder Mahlzeit, die zur Erreichung des Zielgewichts führt
  • Essen unter Aufsicht sowie eine Nach-Ruhe unter Aufsicht

 

Mittels einer körperbezogenen Therapie wird den Patienten_innen geholfen, sich besser wahrzunehmen, auszudrücken und anzunehmen. Dazu dient ein methodenübergreifendes Konzept mit Bewegungs- und Körpertherapie, ergänzt durch Entspannungsverfahren und Gestaltungstherapie.

 

 

 

Teil 3 - Die Familie – ein wichtiger Bestandteil innerhalb der Therapie

Die Einbeziehung der Familie ist bei der Behandlung von Essgestörten unerlässlich.

Bereits im Vorfeld einer stationären Behandlung wird zu den Familien telefonisch Kontakt aufgenommen. Dabei werden Informationen zum familiären Krankheitskonzept und zum bisherigen Umgang mit der Erkrankung gesammelt. In der Familie besteht häufig ein hohes Informationsbedürfnis hinsichtlich des Krankheitsbildes, dem wir mit einem entsprechenden zeitlichen Rahmen Rechnung tragen. Die Angehörigen erhalten Informationen zu Ursachen und Auswirkungen der Erkrankung. Absoluten Vorrang aber haben die Erarbeitung familiärer Ressourcen und die Entlastung der Familienmitglieder hinsichtlich möglicherweise bestehender Schuldgefühle.

 

Die Familien werden über die Aufnahmebedingungen, Regeln und Strukturen während eines stationären Aufenthaltes sowie das Behandlungskonzept informiert. 

 

Nach stationärer Aufnahme sind telefonische oder persönliche Gespräche mit den Eltern möglich. Dabei geht es sowohl um die Thematisierung und Bearbeitung von Beziehungsthemen sowie Beziehungskonflikten, unter Berücksichtigung auch tiefenpsychologischer Aspekte, als auch um die Verarbeitung traumatisierender Erfahrungen, die Klärung von Zusammenhängen zwischen anorektischem Verhalten und der sozialen Verstärkung sowie um Fragen zur Ablösung vom Elternhaus. 

 

Am Ende der Rehabilitationsmaßnahme werden die Eltern in einem abschließenden Gespräch über den Verlauf und das Ergebnis der Behandlung informiert. Sie erhalten nochmals individuelle Hinweise und eine Beratung zum weiteren Umgang mit der Symptomatik. Ein Nachsorgeprogramm wird besprochen.

 

Was passiert mit dem „fehlenden“ Unterricht?

Die Patienten werden während der stationären Behandlung in den Kernfächern beschult. Das Unterrichtsangebot besteht für die Hauptfächer bis Klasse 12.

Den Unterricht erteilen Lehrer unserer hauseigenen Schule, er wird durch moderne Medien und Internet unterstützt. Gearbeitet wird nach Möglichkeit mit dem Lehrmaterial der Heimatschule. Ein individueller Ablauf, der dem Leistungsvermögen angepasst ist, soll Unter- bzw. Überforderung vermeiden. Ziel des Schulbesuchs ist die Aufrechterhaltung des schulischen Leistungsstandes und die Vermeidung von Defiziten im Lernplan. Somit wird die Reintegration der Jugendlichen in ihrer Heimatschule nach der stationären Entlassung erleichtert.

 

Für die Zukunft gewappnet mit der Sozial- und Berufsberatung

Unsere Patienten erhalten während des stationären Aufenthaltes eine geeignete Berufsberatung unter Berücksichtigung sozial-medizinischer Gesichtspunkte. Für Patienten der Schulabgangsklassen kann in Absprache mit den Lehrern der Klinikschule und den Psychologen das Beratungsangebot der örtlichen Arbeitsverwaltung genutzt werden. Die eigentliche Berufswahl erfolgt dann am Heimatort nach Maßgabe der regionalen Gegebenheiten. Den Patienten und deren Familien sollte die Bedeutung der Schule mit dem Ziel eines angemessenen Schulabschlusses nahegebracht werd

Was passiert nach der Therapie?

Zur Sicherung des Behandlungserfolges im Rahmen eines Gesamtkonzeptes ist die ambulante Weiterbetreuung nach dem stationären Aufenthalt unbedingt erforderlich. Wir bieten daher nach der stationären Rehabilitation telefonische Nachsorgetermine an. Ansonsten versuchen wir, während der stationären Rehabilitation Kontakte zu knüpfen, um ein erfolgreiches Nachsorgeprogramm am Heimatort zu ermöglichen. Bei einer bereits vor dem stationären Aufenthalt bestandenen Behandlung wird versucht, die Patienten an dieser Behandlungsstelle auch weiter betreuen zu lassen. Bei bisher fehlender ambulanter Behandlung bemühen wir uns um die Vermittlung einer geeigneten Therapieeinrichtung.