Charlottenhall - Aktuell

Herausforderungen für Familien während der Pandemie

Teil 3: Krisen gemeinsam bewältigen. Um als Familie gestärkt aus Krisen hervorzugehen, braucht es gewisse Einstellungen, Eigenschaften, Kompetenzen und Strategien von einzelnen Familienmitgliedern und von der gesamten Familie.

Teil 1: Herausforderungen für Familien während der Pandemie

Teil 2: Welche Signale muss ich beachten und wie kann ich mein Kind in dieser besonderen Situation unterstützen?

Teil 3: Krisen gemeinsam bewältigen

 

Teil 1: Herausforderungen für Familien während der Pandemie

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind zweifellos enorm. Jedoch trifft die Krise einzelne Menschen und Familien unterschiedlich hart, denn die ökonomischen und psychosozialen Ressourcen für den Umgang mit der Pandemie sind in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Besonders Familien geraten durch die Schließung von Schulen und Kitas unter Druck. Die Dauerbelastung zwischen der Sicherstellung der Kinderbetreuung, dem „Home Schooling“ und den Erwartungen des Arbeitgebers, im Home-Office zu arbeiten, überfordert viele Familien, insbesondere jene in erschwerten Lebenslagen. Hinzu kommen coronabedingte finanzielle Sorgen und Existenzängste sowie wenig Rückzugsmöglichkeiten im Alltag. Die Einschränkungen, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, sind für viele Familien eine enorme Herausforderung und führen Eltern sowie Kinder und Jugendliche an ihre Belastungsgrenzen.

Die Corona-Verordnungen schränken nicht nur die Möglichkeiten im Alltag, sondern auch die Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten von unseren Jüngsten und Heranwachsenden ein. Schon die Tatsache, dass sich viele Kinder neben Spielsachen letztes Weihnachten auch das Verschwinden des Corona-Virus gewünscht haben, beweist einmal mehr, wie sehr die aktuelle Situation auch unsere Jüngsten und Heranwachsenden betrifft und beschäftigt. Auch wenn Kinder und Jugendliche das nicht immer zeigen, haben sie vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie einige Sorgen. Hier zeigen sich vor allem die Angst um die Großeltern oder andere enge Bezugspersonen, die Angst vor der eigenen Ansteckung, Sorgen in der Schule nicht mehr hinterher zu kommen und die Ungewissheit vor dem, was die Zukunft mit sich bringen wird. Auch Kinder und Jugendliche werden täglich mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie konfrontiert und müssen lernen damit umzugehen. Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, Hobbys, wie der Vereinssport, können nicht mehr ausgeübt werden. In der Freizeit mit Freunden treffen – auch das wird in Corona-Zeiten stark eingeschränkt.

Insbesondere für Kinder und Jugendliche, die bereits vor der Corona-Pandemie psychische Probleme hatten, sind die Herausforderungen, die mit der Pandemie einhergehen, ganz besonders schwierig. Die eigentlichen Probleme, die ursprünglich zur Therapiebedürftigkeit geführt haben, sind jetzt oft nicht mehr das Hauptthema. Schwierigkeiten bei der Bewältigung der häuslichen Situation, der verlorengegangenen Alltagsstruktur und die aus den Kontaktbeschränkungen resultierenden Probleme sind hinzugekommen und treten in den Vordergrund. Wichtige verordnete Therapien sowie notwendige Aufenthalte in Reha- und Kurkliniken sind unter den derzeitigen Umständen schwer bis gar nicht möglich, was für Familien mit vorerkrankten Kindern eine enorme Belastung darstellt.

Auch wenn weiterhin viele Dinge nicht so sein werden wie gewohnt, müssen wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. So ist es insbesondere wichtig, die Jüngsten an die Hand zu nehmen und trotz des Verlusts an Normalität einen geregelten und strukturierten Alltag zu ermöglichen und sie dabei, so gut es uns gelingt, zu unterstützen. 

 

Teil 2: Welche Signale muss ich beachten und wie kann ich mein Kind in dieser besonderen Situation unterstützen?

Ängste offen ansprechen und thematisieren

Kinder und Jugendliche können ganz unterschiedlich auf bestehende Ängste und Sorgen reagieren. Einige bekommen Schlafstörungen und Albträume oder haben Probleme, sich zu konzentrieren und werden nervös. Andere hingehen ziehen sich zurück und isolieren sich zunehmend von ihren Mitmenschen. Auch Reizbarkeit, Aggressivität und vermehrte Bauch- oder Kopfschmerzen können Signale für seelische Belastungen sein. Wenn Kinder ihre Sorgen und Ängste ansprechen, sollten Eltern diese weder aus- noch kleinreden. Es ist wichtig, dass Familien gemeinsam über die bestehenden Ängste sprechen. Eltern können ihren Kindern im Gespräch vermitteln, dass sie nicht alleine damit sind. So könnte man zum Beispiel sagen: "Wir haben auch Sorge, dass sich Oma und Opa anstecken. Damit das nicht passiert, sind wir jetzt alle ein bisschen vorsichtiger und halten Abstand. Und wenn sie sich doch anstecken sollten, werden sie sicher schnell wieder gesund, weil es gute Behandlungsmöglichkeiten gibt. Wir können später einen schönen Spaziergang im Wald machen und die Beiden danach über ein Videotelefonat anrufen, wenn du möchtest." Neben beruhigenden Worten, Ehrlichkeit und alternativen Vorschlägen, helfen bei Ängsten außerdem gemeinsame Aktivitäten und körperliche Nähe. Jede Form von Körperkontakt hat eine beruhigende Wirkung. Außerdem ist es sehr wichtig, dass Eltern offen für Fragen rund um das Thema sind und diese Offenheit ihren Kindern gegenüber auch signalisieren. 

 

Klare Alltagsstruktur schaffen

Schulen sind geschlossen und der Vereinssport oder die Musikschule am Nachmittag fallen weg, wodurch sich Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie komplett neu organisieren müssen. Vor allem jüngeren Kindern fällt dies schwer, wenn keine Regelmäßigkeit im Alltag vorhanden ist. Gerade weil die täglich gewohnten Abläufe wegfallen, sollten Eltern gemeinsam mit ihren Kindern eine feste Alltagsstruktur erarbeiten, die nicht weit von der vorherigen Tagesordnung abweicht. Das kann Ängsten und Antriebslosigkeit entgegenwirken und bietet mehr Sicherheit. Eltern könnten zum Beispiel einen Tagesplan gemeinsam mit ihren Kindern aufstellen und feste Zeiten für Schulaufgaben und Nachhilfe, Mahlzeiten, Freizeitaktivitäten und gemeinsame Zeit festlegen. 

 

Langeweile während des Lockdowns? – Möglichkeiten der Freizeitgestaltung

Freizeitaktivitäten sollten ganz bewusst ausgewählt werden, für einen körperlichen und seelischen Ausgleich sorgen und zum Abbau von Stress beitragen. Besonders wichtig ist, dass sich Kinder und Jugendliche täglich ausreichend an der frischen Luft bewegen. Neben Sport und Spiel in der Natur können auch kreative Freizeitbeschäftigungen wie Zeichnen und Basteln, das Lesen von Büchern und Zeitschriften sowie Spielen von Instrumenten für einen guten Ausgleich sorgen. Vielleicht kann der ein oder andere während der Pandemie sogar ein neues Hobby für sich entdecken. Neben gemeinsamen Aktivitäten im Freien oder Gesellschaftsspielen kann auch das Einbinden in die tägliche Hausarbeit, etwa beim gemeinsame Backen und Kochen sowie beim Ausprobieren neuer Gerichte, Spaß und Abwechslung in den Alltag von Familien bringen. 

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Freizeitgestaltung ist die geregelte Nutzung von Fernseher, Smartphone, Laptop & Co. Diese werden seit Beginn der Pandemie vermehrt genutzt und berichten in großem Umfang von der Corona-Krise. Die tägliche Informationsüberflutung könnte die Gedanken von Kindern und Jugendlichen stark bestimmen und bestehende Ängste verstärken. Trotz nützlicher digitaler Lernangebote, die bei der Bewältigung der Schulaufgaben helfen sollen und dem vermehrten Austausch über soziale Netzwerke, der den Kontakt zu Freunden und Klassenkameraden während der Corona-Krise aufrecht erhält, sollten Kinder und Jugendliche deshalb nicht pausenlos vor dem Bildschirm geparkt werden. Eltern sollten dennoch nicht zu streng sein und die Mediennutzung nicht zu stark limitieren, da digitale Medien momentan Vieles ersetzen, was durch die Einschränkungen nicht mehr möglich ist. Entscheidend ist außerdem, wozu die digitalen Medien genutzt werden. Ob zum Austausch über WhatsApp, zum Lernen, Spielen, Fernsehen, Musikhören, für Videotelefonate oder zum Sporttreiben über Youtube-Fitness-Videos – das alles sind digitale Möglichkeiten, die Kinder und Jugendliche insbesondere in dieser außergewöhnlichen Zeit nutzen, um etwas Normalität zu bewahren. Ein gutes Maß zwischen sinnvoller und altersgerechter Mediennutzung sowie medienfreier Zeit zu finden, ist hier die Devise. Insbesondere vor dem Schlafengehen können Eltern sowohl für ihre Kinder als auch für sich selbst medienfreie Auszeiten schaffen und das Smartphone einfach eine Weile ausschalten bzw. beiseite legen. Außerdem sollten sich Eltern gegenseitig ab und an Auszeiten einräumen, denn gerade in Zeiten der Corona-Pandemie hat die vermehrte räumliche Nähe neben den schönen Seiten, auch Konfliktpotenzial und kann auf Dauer für alle Familienmitglieder belastend sein.

 

Teil 3: Krisen gemeinsam bewältigen

Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden Problematiken, Ängste und Sorgen, die Familien ganz unterschiedlich schwer treffen, stellen zweifellos typische Krisensituationen dar, mit denen Familien momentan zunehmend konfrontiert werden. Um Krisen gemeinsam ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu bewältigen, ist die Resilienzförderung innerhalb von Familien ein ganz zentraler Ansatz. Die Resilienz ist die psychische Widerstands- und Anpassungsfähigkeit an Krisensituationen, die keine angeborene Eigenschaft ist und demzufolge erlernt und gefördert werden kann. Um als Familie gestärkt aus Krisen hervorzugehen, braucht es gewisse Einstellungen, Eigenschaften, Kompetenzen und Strategien von einzelnen Familienmitgliedern und von der gesamten Familie. Da bei jedem Familienmitglied die Resilienz unterschiedlich stark ausgeprägt ist, beeinflusst das maßgeblich die Gesamtresilienz der Familie. Während bei der Resilienz von Individuen Merkmale wie Flexibilität, soziale Unterstützung, Humor, Selbstwirksamkeit und Selbstwertschätzung im Vordergrund stehen, sind im Hinblick auf resiliente Familien vor allem Problembewältigungsstrategien, Stressmanagement, Emotionsregulation, Kommunikation und gemeinsames Zielsetzen zentral. Familien, die als resilient bezeichnet werden, pflegen häufig eine offene Kommunikation sowie eine enge Bindung und Zusammenhalt zwischen den einzelnen Familienmitgliedern.

Des Weiteren zeichnen sich resiliente Familien durch gegenseitige Wertschätzung sowie gemeinsame Werte und Glaubenssysteme (z. B. eine positive Lebenseinstellung) aus. Viel gemeinsam verbrachte Zeit, gemeinsame Unternehmungen und Aktivitäten, die den Zusammenhalt zwischen Eltern und Kindern enorm stärken, sowie funktionale Coping-Strategien, die dazu befähigen, mit einem Problem langfristig gut umzugehen bzw. es zu lösen, sind ebenso Faktoren, die Familien auf Krisensituationen vorbereiten und ihnen bei deren Bewältigung helfen. Sind diese Einstellungen, Eigenschaften, Kompetenzen und Strategien nicht vorhanden, können ressourcen- und stärkenorientierte Interventionen sowie Maßnahmen zur Verbesserung des elterlichen Erziehungsverhaltens und zur Stärkung der Partnerschaft unterstützen, um Defizite einzelner Mitglieder sowie die Resilienz der gesamten Familie zu stärken. Durch die Einbeziehung aller Familienmitglieder lastet das Überstehen von Krisen nicht mehr nur auf dem Einzelnen, sondern wird auf mehrere Schultern verteilt.

Auch die Erkrankung eines Familienmitglieds stellt eine typische Krisensituation dar, bei der Familien auf Widerstandskraft und gute Bewältigungskompetenzen angewiesen sind. Um innerhalb der gesamten Familie gut mit der Erkrankung umgehen und derartige Krisen gemeinsam bewältigen zu können, ist die Einbeziehung der Familie in die Behandlung sowie die Stärkung der Familienresilienz enorm wichtig. In unserer Kinder- und Jugendrehabilitationsklinik Charlottenhall wird deshalb bereits seit mehr als 28 Jahren erfolgreich mit Familien gearbeitet. Schon lange ist klar, dass die Beteiligung der Eltern am Therapiealltag enorm wichtig für den Therapieerfolg von Kindern und Jugendlichen ist. Im Juni 2020 wurde als wichtiger Bestandteil der multimodalen Behandlung erstmals die Multifamilientherapie (MFT) in Charlottenhall angeboten, die unabhängig von der Diagnose auf Patienten mit Begleitperson ausgerichtet ist. Bei der Multifamilientherapie, die wöchentlich mit mehreren Familien in einer festen Gruppe stattfindet, werden verschiedene kreative Angebote zur Bearbeitung familiärer Themen genutzt sowie Elemente von Bewegung und Begegnung eingebaut. Bei gutem Wetter gibt es außerdem gemeinsame Aktionen im Freien und in der Natur.

Mit den vielfältigen Aktionen ermöglicht die MFT den Familien, gemeinsam neue Strategien und kreative Lösungsansätze für alltägliche Probleme zu entdecken und selbst zu entwickeln, persönliche sowie familiäre Themen zu bearbeiten und dabei positive Begegnungen und glückliche Momente zu erleben. Sich gegenseitig zu unterstützen, miteinander sowie voneinander zu lernen und gemeinsam Spaß zu haben, wird hier großgeschrieben. Durch den Austausch mit anderen Familien und das Teilen von Erfahrungen entsteht außerdem ein Gefühl der Verbundenheit in der Gruppe. Die MFT zielt auf eine bessere Kommunikation der Familien untereinander, eine Förderung sowohl der Stärken des Einzelnen als auch der Stärken der Familie und nicht zuletzt auf den Transport in den Alltag und den Erhalt der Gesundheit aller Familienmitglieder.