Indikation

Diagnostik

Psychosomatische Erkrankungen

In den letzten Jahren ist der Bedarf an medizinischen Rehabilitationsleistungen für Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen erheblich gestiegen. Immer mehr Eltern von Kindern mit psychosomatischen Beschwerden, mit hyperkinetischen und emotionalen Störungen beantragen, oft durch die Empfehlung der niedergelassenen Ärzte, Rehabilitationsmaßnahmen für ihre Kinder.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Insgesamt scheint der Bedarf an kompetenter Hilfe für Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten gestiegen zu sein.
  2. Die kinder- & jugendpsychiatrische und psychotherapeutische ambulante Versorgung ist in vielen Bundesländern, auch in Thüringen, nicht ausreichend. Viele Patienten werden durch niedergelassene Ärzte anderer Fachgebiete, wie der der Psychiatrie und Psychotherapie im Erwachsenenalter, der Allgemeinmedizin und durch Hausärzte versorgt. Diese Kollegen haben oft nicht die Möglichkeit, alle notwendigen (medizinischen) psychotherapeutischen, pädagogischen und sozialen Hilfeleistungen und Interventionen zu ermöglichen, damit die Patienten wieder in den Alltag, das Schulleben, die Familie und die Gesellschaft integriert werden können.

So wird aus den genannten Gründen das Angebot von medizinischen Rehabilitationsleistungen für Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten mit dem Ziel, bereits eingetretene Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen weitestgehend zu reduzieren und dem Auftreten dauerhafter Benachteiligungen vorzubeugen, dringend notwendig. Bei den Patienten, die wegen chronischen somatischen Erkrankungen, rehabilitativ versorgt werden, finden sich immer häufiger Patienten mit schweren sekundären psychischen Störungen im Sinne einer Komorbidität.

Indikationen

  • umschriebene Entwicklungsstörungen (F8 ff.*)
  • hyperkinetische Störungen (F90*)
  • emotionale Störungen (F9 ff*) wie Angsstörungen, phobische Störungen, depressive Störungen
  • psychische Störungen mit körperlicher Symptomatik wie Enuresis (F98.0*), Enkopresis (F98.1*), Tic-Störungen (F95*), Schlafstörungen (F51.2; 51.3; 51.4*), somatoforme und dissoziative, Störungen (F44 ff, F45 ff*)

eingeschränkte Indikationen

  • Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in Kindheit und Jugend elektiver Mutismus, reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F9ff*)
  • Störungen des Sozialverhaltens (F9ff*)
  • hirnorganische Psychosyndrome (F07*), postencephalitsches Syndrom (F07.1*)
  • hirnorganisches Psychosyndrom bei angeborenem Syndrom (F07.0*)
  • organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma (F07.2*)
  • Zwangsstörungen (F42 ff*)


Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen und schweren sekundären psychischen Verhaltensauffälligkeiten und Patienten mit primärer und sekundärer Enuresis nocturna und diurna mit juvialer Adipositas und mit zusätzlichen psychischen Störungen im Sinne von Komorbidität werden auf den schon bestehenden entsprechenden Stationen durch ein erweitertes Psychotherapiekonzept aufgefangen. Bei Notwendigkeit können sie auf die Station für Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen verlegt werden (wegen des Therapeutenwechsels möglichst zu Beginn der Rehabilitation und nur bei absoluter Indikation).
Von einer unzureichenden Rehabilitationsfähigkeit kann ausgegangen werden, wenn Begleitumstände einer erfolgreichen Rehabilitation entgegenstehen, wie z.B. Fehlen von Gruppenfähigkeit, schwere geistige Behinderung.
(*) Die Zahlen in Klammern sind s.g. Indikationsschlüssel und lediglich für Mediziner und Psychologen sowie Kostenträger relevant.

Kontraindikationen

  • Psychosen des Kindes- und Jugendalters
  • Drogen- und Alkoholabhängigkeit
  • tiefgreifende Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus)
  • schwere aggressive Verhaltensstörung bei der die Sicherheit der Mitpatienten und des Patienten selbst nicht gewährleistet ist

Diagnostik

Aktualisierung der vom einweisenden Arzt vorliegenden Diagnose durch:

  • sorgfältiges Studieren der eingegangenen Befunde
  • umfassende Kontaktaufnahme im Vorfeld unter Berücksichtigung des Bundes­datenschutzgesetzes
  • Erheben der Eigen- und Familienanamnese im Aufnahmegespräch unter besonderer Berücksichtigung des familiären und sozialen Umfeldes sowie bestehender psychosozialer Probleme
  • unter Berücksichtigung der Vorbefunde sorgfältige Diagnostik mittels einer therapierelevanten Diagnostik, die bereits auf eine mögliche Behandlung ausgerichtet ist

Diese Diagnostik beinhaltet deshalb:

Medizinische Diagnostik 

kinder- und jugendpsychiatrisch:

  • neurologischer Status
  • psycho-pathologischer Status
  • allgemeiner Status

Psychologische Diagnostik 

  • Intelligenzdiagnostik
  • Persönlichkeitsdiagnostik
  • soziale Situation
  • Familie etc.

Verhaltensbeobachtung auf der Station 

Verhaltensbeobachtung auf der Station durch das Pflege- und Betreuungspersonal mit genauer Dokumentation und Auswertung.

Therapie


Therapieformen

Die individuelle (kindbezogene) Therapie

Der individuellen Therapieplanung liegt ein multimodales, verhaltenstherapeutisch orientiertes Therapiekonzept zugrunde, das sich an den aktuellen Leitlinien der drei Fachgesellschaften für Kinder- & Jugendpsychiatrie und Psychotherapie orientiert (DGKJPP, BAG, BKJPP).

  • kinder- & jugendpsychiatrische medikamentöse Behandlung
  • psychagoge Führung auf Station, Aktivitäten und Konfliktlösungsübungen innerhalb des Stationsalltages
  • Einzeltherapie, individuumzentriert
  • Gruppentherapie
  • Familientherapie
  • Beschulung
  • Kontaktaufnahme mit dem sozialen Umfeld des Patienten und entsprechenden Institutionen durch Sozialpädagogen

Die Auswahl der Therapiemaßnahmen richtet sich nach entsprechender Indikation, die beeinflusst wird von:

  • Symptomatik
  • Diagnose, Störungsmuster, Störungsebene
  • Alter des Patienten
  • Schwere und/oder Chronifizierungsstand der Erkrankung
  • sozialem Umfeld
  • intellektuellem Leistungsvermögen des Patienten

Einzeltherapeutische Maßnahmen

(d.h. individuumzentrierte Behandlungsmethoden)

  • Einzeltherapie durch den zuständigen Therapeuten (Arzt bzw. Psychologe) bei verhaltenstherapeutische Maßname und klientenzentrierte Gesprächstherapie
  • Einzeltherapien durch heilpädagogische und psychotherapeutische Übungsbe-handlungen wie Musiktherapie, Kunst- und Gestaltungstherapie, Beschäftigungstherapie durch Ergotherapeuten und Erzieher, logopädische Behandlung durch Logopäden, funktionelle Übungsbehandung durch Übungsbehandlung durch Motopäden

Gruppentherapeutische Maßnahmen

Die psychotherapeutischen Maßnahmen werden in Form von Gruppen- oder Einzeltherapien angeboten.
In Abgrenzung zu stationären kinder- & jugendpsychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung liegt unser Schwerpunkt vor allem auf der Gruppentherapie. Die Gruppentherapie hat sich in dem begrenzten Zeitraum der stationären Rehabilitation als effizient erwiesen.
Sie bietet dem Patienten zahlreiche therapeutisch nutzbare Beziehungsmöglichkeiten, spiegelt die sozialen Erfahrungen realistisch wieder und kann angst- und aggresionsabbauend wirken. Voraussetzung dafür ist die Gruppenfähigkeit des Patienten, die ja auch eine Voraussetzung für eine Rehabilitationsmaßnahme ist.

  • Gesprächstherapiegruppe (klientenzentriert und als störungsspezifische Behandlungsprogramme)
  • Bewegungstherapie
  • Rollenspielgruppe
  • Musiktherapiegruppe
  • Beschäftigungstherapiegruppe
  • Entspannungstherapiegruppe

Die gruppendynamischen Prozesse und Themen der Patienten durchziehen alle Arten der Gruppentherapie und werden entsprechend aufgegriffen, bearbeitet und weitergeführt. Unsere psychotherapeutischen Angebote sind vor allem verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Die Verhaltenstherapie umfasst eine große Zahl unterschiedlicher Methoden. Die Wirksamkeit dieser Methoden ist empirisch gut überprüft und nachgewiesen.

Familientherapie

  • Konzentrationstraining
  • psychomotorische Übungsbehandlung
  • Kunst- und Gestaltungstherapie
  • Musiktherapie
  • Biofeedback
  • spieltherapeutische Methoden
  • autogenes Training
  • progressive Muskelrelaxation nach Jacobson
  • katathymes Bilderleben
  • Rollenspiele

 

Therapieziele

Ziel der Rehabilitationsmaßnahme ist eine langfristige Verbesserung der individuellen Lebensqualität, der sozialen Integration und der späteren beruflichen Leistungsfähigkeit.
Aktive Hilfe zur Problembewältigung, d.h. dem Patienten wird aktiv Hilfestellung zum Überwinden seiner Probleme gegeben:

  • Der Patient kann dadurch neue konstruktive Fertigkeiten und Fähigkeiten erwerben bzw. seine vorher nicht genutzten Fertigkeiten und Fähigkeiten aktivieren, d.h. Erwerb und Aktivierung von Fähigkeiten zum Überwinden von konkreten Schwierigkeiten (nach Grawe et. al., 1994).
  • Dem Patienten muss geholfen werden, sein Erleben besser auszudrücken und verstehen zu können, damit er sich besser akzeptieren und sich dadurch auch anders verhalten kann. Das heißt, dass der Patient auf seine Einstellungen, Gedanken, Emotionen, Verhaltensweisen aufmerksam gemacht wird, damit er sie in einen neuen Zusammenhang stellen und besser verstehen kann (nach Grawe et al., 1994).
  • Für den Patienten muss das Erfahren von neuen positiven Beziehungsqualitäten innerhalb der Rehabilitation möglich sein, damit auch Klärungs- und problembewältigungsorientierte therapeutische Interventionen möglich werden. Die Patienten sollen ihre Beziehung zum Personal als für ihre positive Entwicklung förderlich erleben. Innerhalb des rehabilitativen therapeutischen Milieus soll der Patient neue Konfliktlösungsmuster erlernen und beüben können (nach Grawe et al., 1994).
  • Der Patient soll befähigt werden, Signale des Umfeldes besser wahrzunehmen, zu verstehen und zu verarbeiten, damit er sie in einem neuen Zusammenhang stellen und zu veränderten Verhaltensstrategien kommen kann.

 

Therapieverlauf

Nach abgeschlossener Diagnostik (in der Regel 7 Tage) erfolgt das Erstellen des Therapieplans, wobei der im Aufnahmegespräch erfragte Therapieauftrag der Eltern und des Patienten und die Ergebnisse der Diagnostik eine entscheidende Rolle spielen.

Aufnahmegespräch mit den Eltern und Bezugspersonen des Patienten

  • Erarbeitung des Therapieziels
  • Aufstellen eines Therapievertrages (Erwartungen der Eltern an die Therapie mit den Möglichkeiten eines Rehabilitationsverfahrens in Übereinstimmung bringen)